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Europa

Die Woke-Ideologie: von Inklusion zu cancel culture

Stefanie Stocker
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Stefanie StockerSamstag, 06.07.2024

Was ist die Woke-Ideologie und welche Lösungen gibt es, um die cancel culture einzudämmen?

Von Florinda Ambrogio, erschienen am 9. Dezember 2022 bei buonenotizie.it - konstruktiver Journalismus.

Florinda Ambrogio: studierte Psychologie an der Universität Turin, Spezialgebiet Forensik, bekannt für ihre Artikel gesellschaftspolitischer Relevanz, Themenschwerpunkt: persönliches Wachstum, zu lesen auf buonenotizie.it - konstruktiver Journalismus.

CANCEL CULTURE DEBATTE in Italien - TEIL 2

Selbst im eher linken Lager wehrt man sich in Italien gegen das Canceln historischer Persönlichkeiten und ihrer Verdienste, gegen Geschichtsverfälschung und Zensur durch übermäßige political correctness und cancel culture. Dabei kritisiert man hart und unversöhnlich.

Inwiefern eine cancel culture tatsächlich existiert, oder schon immer in der einen oder anderen Form Teil unserer Gesellschaft war, ist im Pick zur CANCEL CULTURE DEBATTE in Italien vom 16.06.2024 nachzulesen: Gibt es die cancel culture wirklich?


Der Begriff "woke", der in Italien noch wenig bekannt ist, weil er durch die Begriffe "politisch korrekt" und "cancel culture" ersetzt wurde, ist ein Adjektiv aus dem Englischen und bedeutet "wach bleiben", "aufmerksam sein" gegenüber rassischen oder sozialen Ungerechtigkeiten.

Die Woke-Ideologie entstand in den 1960er Jahren in den Vereinigten Staaten, als man sich der sozialen Missstände durch Rassismus und wirtschaftliche und soziale Ungleichheit immer mehr bewusst wurde, und anfing, sich mit den Betroffenen zu solidarisieren und sich für ihre Rechte einzusetzen.

In jenen Jahren wurden im Rahmen von Protestaktionen, Überlegungen und Vorschläge entwickelt, wie man Differenzen überwinden und individuelle Rechte stärken könnte, ohne andere zu benachteiligen. Heute hat sich die Situation definitiv geändert, und die cancel culture ist an die Stelle des Inklusionsgedankens getreten, an die Stelle des Wunsches, Minderheiten zur Wahrung ihrer Rechte zu verhelfen und ihnen uneingeschränkte Partizipation zu ermöglichen.

Geschichte in ihrer Authentizität einfordern

Von Mahatma Gandhi über Nelson Mandela bis hin zu Liliana Segre – einer heute aktiven Zeitzeugin der italienischen Shoah - lehren uns alle, dass die Geschichte, selbst in ihrer grausamsten Form, nicht vergessen werden darf. Es ist wichtig, sich zu erinnern, um die Fehler der Vergangenheit nicht erneut zu begehen. Es ist wichtig, dass neue Generationen, die sich aktiv für gleiche Rechte für alle einsetzen, über die Vergangenheit Bescheid wissen, damit sie eine solide, plausible und konsistente Basis für ihre Kämpfe haben.

Die Tendenz, die Vergangenheit auf der Grundlage des heutigen Empfindens zu verurteilen, indem man Statuen abreißt, Schultexte abschafft oder Autoren der Vergangenheit und verdiente historische Persönlichkeiten ausradiert, ist weit entfernt von der Idee der Inklusion, die darauf abzielt, jede Form von Diskriminierung innerhalb einer Gesellschaft zu beseitigen, und Vielfalt immer zu respektieren.

Die universelle Anerkennung der Rechte, die jedem Menschen zustehen, bedeutet nicht, dass wir historische Ereignisse ausschließen oder zurücksetzen müssten. Wenn dies der Fall wäre, würden wir immer wieder am Anfang stehen und es würde immer jemanden geben, der die Geschichte wiederholt - manchmal rücksichtslos und unmenschlich.

Die Woke-Ideologie und ihr Wandel

Die Entwicklung einer Gesellschaft bringt unweigerlich Veränderungen mit sich. Was ursprünglich ein entschlossener Wunsch nach Gleichberechtigung war, läuft Gefahr, zu einem regelrechten Kulturkrieg zu werden. Stay woke - sei wach - wird offenbar als Aufforderung verstanden, die Gesellschaft mit unverhältnismäßiger Aggression und Bissigkeit von allem Unreinen zu säubern. 

Das eigentliche Problem bei der Umsetzung der Woke-Ideologie ist sicherlich nicht die Gesamtheit der legitimen und weitgehend teilbaren Werte, die sie beinhaltet. Besorgniserregend wird es, wenn die Methoden zur Erlangung dessen, was in moralischer und menschlicher Hinsicht legitim ist, dazu führen, dass die meisten genau dieser Werte verraten werden. Denen, die als privilegiert gelten, ihre Rechte abspenstig zu machen, ist ein großer Rückschritt. Bedeutende Persönlichkeiten und ihre Verdienste nicht mehr zu beachten, alles zu zensieren oder zu verbieten, was die Empfindsamkeiten von Betroffenen verletzen könnte, ist wahrscheinlich nicht der richtige Weg, schon allein deshalb nicht, weil es in unserer Verfassung in Artikel 21 heißt: "Jeder hat das Recht, seine Gedanken in Wort, Schrift und jeder anderen Form der Verbreitung frei zu äußern."

Wie wir das besser machen können

Aktuell wird viel über die Auswirkungen von Entwicklungen wie dem Woke-Denken und der cancel culture diskutiert. Ob weiß oder schwarz, reich oder arm, heterosexuell oder homosexuell - wenn die freie Meinungsäußerung verweigert wird, fühlt sich jeder in einen Schraubstock gezwängt und oft genug dazu legitimiert, aggressiv zu werden. 

In diesem Zusammenhang bietet die Universität Cambridge den Studenten einen Kurs in freier Meinungsäußerung an, um der Tendenz entgegenzuwirken, dass eine Gruppe oder eine Person boykottiert wird, indem man ihr die Möglichkeit nimmt, sich frei zu äußern. Junge Generationen zu lehren, die Meinung anderer zu tolerieren, bedeutet nicht, sie zu lehren, diese zu teilen. Es bedeutet nur, ihnen beizubringen, durch Zuhören kritisches Denken zu entwickeln und - falls sie anderer Meinung sind - durch alternative Vorschläge zu interagieren, zu kooperieren, zu diskutieren und sich gegenseitig zu konfrontieren, um das richtige Gleichgewicht zu finden. Arif Ahmed, Philosophieprofessor am Gonville&Caius College, erklärt hierzu:

Unabhängig davon, was Sie studieren, ist es ein wesentlicher Bestandteil einer Universitätsausbildung, die Notwendigkeit zu verstehen, ein breites Spektrum von Standpunkten zu tolerieren, auch solche, die Sie als schockierend oder beleidigend empfinden. Deshalb wird Ihnen eine Ausbildung in den Grundprinzipien der freien Meinungsäußerung gute Dienste leisten.

Durch so eine Kursänderung können wir vermeiden, auf ein sehr riskantes Terrain zu geraten, für das historische Präzedenzfälle ja bekannt sind. Wenn man instinktiv und aus dem Bauch heraus Rechte einfordert, provoziert das Wut und Aggression bei den Betroffenen und führt zwangsläufig dazu, dass jede Art von konstruktivem Dialog beendet wird.

Legitime Perspektiven, wie etwa unsere Geschichte, dürfen nicht unterdrückt oder ausgelöscht werden, sondern müssen für die freie Debatte offen bleiben.

Die Woke-Ideologie: von Inklusion zu cancel culture

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Kommentare 3
  1. Cornelia Gliem
    Cornelia Gliem · vor 13 Tagen

    Hm. Hier wird einiges in einen Topf geworfen: Meinungsäußerung heutiger und Statuen Geschichts/Ereignisse und deren BeDeutung.
    Und sorry aber die Toten haben kein Recht auf freie Meinung mehr, Statuen und Gedenktage beizubehalten oder nicht, ist nicht das gleiche wie sich (nicht) äußern zu dürfen. Geschichte nicht vergessen - klar! Aber sie speziell feiern und ehren zu müssen durch Statuen?
    Ich vergesse doch zb Columbus nicht, nur weil ich keine Statue von ihm behalte, die zudem mehrheitlich erst Anfang des 20. Jahrhunderts aufgestellt wurden.
    Mir wäre auch neu, dass Vertreter des ursprünglichen "woke"-Gedankens Geschichte ausradieren wollen, es geht um Interpretation.
    "Aus dem Bauch heraus Rechte fordern" - o ja DAS geht ja gar nicht, hm?
    Die armen Betroffenen könnten ja traumatisiert werden... leider merkt der autor hier nicht, dass er selbst in die rhetorische Rolle rutscht, die er den Woken vorwirft...
    Und der genannte Cambridge-Kurs klingt nett, beinhaltet aber genau das, was ein Studium was Bildung grundsätzlich vermitteln soll: die Meinung anderer zu verstehen, seine eigene übrigens auch - und das dann von Fakten und Akzeptanz zu unterscheiden.

    1. Laura L
      Laura L · vor 6 Tagen

      Ich bin ganz bei Cornelia. Die Sätze oben finde ich inkohärent; viele Dinge werden vermischt. Vielleicht verstehe ich den Text aber auch falsch? Spreche leider kein Italienisch & habe daher den Ursprungsartikel nicht gelesen. Die Auszüge oben klingen sehr nach protektionistischer Täter-Oper-Umkehr…

      Zwei Sätze finde ich besonders problematisch:
      „ Denen, die als privilegiert gelten, ihre Rechte abspenstig zu machen, ist ein großer Rückschritt.“ Das klingt nach „was darf man denn heute noch sagen“. Es geht hier nicht um Rechte - sondern um Privilegien!

      „ Ob weiß oder schwarz, reich oder arm, heterosexuell oder homosexuell - wenn die freie Meinungsäußerung verweigert wird, fühlt sich jeder in einen Schraubstock gezwängt und oft genug dazu legitimiert, aggressiv zu werden.“ Klingt nach „ist doch ganz normal, wenn der alte weiße Mann handgreiflich wird…“ und „wir sind doch alle gleich“ Nein, ist es nicht. Und sind wir (noch) nicht. Leider.

      Es gibt so etwas wie „toxic wokeness“. Kritik der Kritik halber, destruktiv. Darüber lohnt sich zu sprechen. Aber der Piqd oben klingt für mich nach was ganz anderem…

    2. Cornelia Gliem
      Cornelia Gliem · vor 5 Tagen

      @Laura L "Toxic Wokeness" - danke für diesen tollen passenden Begriff, der es tatsächlich gut abgrenzt.

      Zielkonflikte. Zwischen Gleichheit Diversität und ... Inklusion.
      Und die zeitliche Schiene! Denn wenn in Zukunft mal die Diskriminierung angenommen hat im großen Stil, dann ja dann (!) ist die Betonung von Verschiedenheit möglicherweise ein Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz.

      Solange zb Frauen noch nicht gleich sind, ist die gener(al)siche Ansprache ungerecht.
      Solange Frauen zb immer noch schlechter bezahlt und in führungspositionen werden etc., ist eine Quote bzw. zb ein Gehaltsbonus nicht ungerecht.

      Solange Indigene noch unterdrückt und diskriminiert werden und die ehemaligen Kolonisatoren noch nicht wirklich ihre Geschichte auf/ver/gearbeitet haben, ist jede Statue eine Beleidigung und Verletzung, egal welche Verdienste er möglicherweise auch hatte.

      Solange "weiße Männer" / "Weiße" noch mehrheitlich große Privilegien besitzen, ist ihre gezielte "Ansprache" und Gruppenbezogene Kritik an ihnen nicht "umgekehrter Rassismus/Sexismus"...

      Etc etc etc.

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